Zwei Drittel weniger Investitionsaufwand: woher die Ersparnis kommt

Ich behaupte, dass wir bei klassischen Entwicklungsprojekten den Investitionsaufwand auf Kundenseite um rund zwei Drittel senken können. Das ist eine Zahl, die man nicht einfach in den Raum stellen sollte, ohne sie aufzuschlüsseln. Also schlüssle ich sie auf – inklusive der Stellen, an denen nichts gespart wird.
Zuerst: woher die Zahl nicht kommt
Sie kommt nicht daher, dass wir billiger arbeiten. Der Tagessatz ist nicht der Hebel.
Sie kommt auch nicht daher, dass weniger geliefert wird. Am Ende steht dieselbe Software, die dasselbe können muss.
Und sie kommt nicht aus einem Rechentrick, bei dem Aufwand vom Dienstleister zum Kunden verschoben wird. Das wäre die billigste Variante: weniger anbieten, den Rest «macht der Kunde selbst» nennen und die Ersparnis feiern.
Die Zahl kommt daher, dass ein grosser Teil des klassischen Projektaufwands schlicht nicht mehr anfällt.
Wie ein klassisches Projekt aufgeteilt ist
Nehmen wir ein typisches Vorhaben mittlerer Grösse in einem KMU. Grob verteilt sich der Aufwand auf fünf Blöcke:
Analyse und Konzeption. Verstehen, was gebraucht wird, Prozesse aufnehmen, Sonderfälle klären, Zielbild und Architektur festlegen.
Umsetzung. Die eigentliche Implementierung: Datenmodell, Logik, Oberflächen, Schnittstellen, Tests, Dokumentation.
Koordination. Alles, was anfällt, weil mehrere Menschen an derselben Sache arbeiten: Abstimmungen, Übergaben, Statusmeetings, Missverständnisse und deren Korrektur, Wartezeiten zwischen Zulieferungen.
Inbetriebnahme. Zielumgebung, Datenschutz, Berechtigungen, Migration, Schulung, Go-live.
Nacharbeit. Das, was in den ersten Wochen nach dem Start auffällt.
In den Projekten, die ich früher begleitet habe, war die Umsetzung der grösste Block, und die Koordination war der am meisten unterschätzte. Zusammen machten die beiden regelmässig deutlich mehr als die Hälfte des Gesamtaufwands aus.
Was heute wegfällt
Die Umsetzung schrumpft dramatisch. Das ist der offensichtliche Teil. Wenn Datenmodell und Verhalten klar beschrieben sind, entsteht die Implementierung in Stunden statt in Wochen. Tests und Dokumentation laufen mit, statt am Schluss als Restposten aufzutauchen. Refactorings, die man früher aus Aufwandsgründen vermieden hat, kosten so wenig, dass man sie einfach macht.
Die Koordination schrumpft noch stärker. Das ist der Teil, den fast alle übersehen. Ein grosser Anteil des Aufwands in klassischen Projekten entsteht nicht durch Arbeit, sondern durch Arbeitsteilung. Fünf Personen, die dasselbe Verständnis herstellen müssen, erzeugen einen Aufwand, der mit der Teamgrösse überproportional wächst. Wenn dieselbe Arbeit von einer Person mit AI-Unterstützung erledigt wird, entfällt dieser Block fast vollständig. Kein Handover, keine Abstimmungsrunde, keine Wartezeit auf die Zulieferung von jemand anderem.
Boilerplate entfällt. Projektaufsetzung, Gerüste, Standardkomponenten, Konfiguration – Dinge, die in Summe erstaunlich viel Zeit gefressen haben und heute in Minuten entstehen.
Die Nacharbeit sinkt. Nicht auf null, aber deutlich. Weil während der Umsetzung fachlich geprüft wird und Korrekturen fast nichts kosten, landet weniger im Betrieb, was dort nicht hingehört.
Was bleibt – und was sogar zunimmt
Die Analyse bleibt. Vollständig. Was ein Prozess wirklich tut, welche Regel gilt und welche nur historisch gewachsen ist – das beantwortet keine AI. Diese Arbeit entsteht im Gespräch und im Nachbohren.
Ehrlicherweise: Sie nimmt sogar relativ zu. Nicht in absoluten Stunden, aber in ihrer Bedeutung. Wenn Umsetzung fast nichts kostet, ist eine unsaubere Analyse der einzige Weg, ein Projekt noch teuer zu machen.
Die Prüfung bleibt. Ob eine Lösung technisch läuft, ist schnell beantwortet. Ob sie fachlich stimmt, dauert genau so lange wie früher. Wer hier spart, spart am falschen Ort.
Die Inbetriebnahme bleibt. Zielinfrastruktur bestimmen, Datenschutz klären, Berechtigungen sauber setzen, Betrieb aufsetzen. Nichts davon wird durch schnellere Implementierung leichter.
Der Betrieb bleibt. Und er ist eine laufende Position, keine einmalige. Wer eine Investitionsrechnung ohne Betrieb aufstellt, rechnet falsch – heute noch stärker als früher, weil der Betrieb anteilig grösser geworden ist.
Die Rechnung im Kern
Wenn Umsetzung und Koordination zusammen den grösseren Teil des klassischen Aufwands ausmachen und beide weitgehend entfallen, während Analyse, Prüfung und Inbetriebnahme bestehen bleiben, landet man ungefähr bei einem Drittel des ursprünglichen Aufwands. Das ist die Herkunft der Zahl. Kein Modellrechnungszauber, sondern das Wegfallen von zwei Blöcken.
Was das für Sie als Auftraggeber bedeutet: Der Preis eines Projekts hängt heute viel stärker davon ab, wie klar Ihr Geschäft beschrieben ist, als davon, wie viel Funktionalität Sie bestellen. Zusätzliche Features sind kaum noch der Kostentreiber. Unklarheit ist es.
Wo die zwei Drittel nicht gelten
Damit die Zahl belastbar bleibt, gehört die Gegenprobe dazu. Sie gilt nicht für Vorhaben, deren Aufwand ohnehin nicht in der Umsetzung lag – etwa eine Systemeinführung, bei der neunzig Prozent der Arbeit aus Migration, Organisation und Schulung besteht. Sie gilt nicht für stark regulierte Umfelder, in denen Nachweis- und Abnahmeprozesse den Takt vorgeben. Und sie gilt nicht, wenn niemand auf Kundenseite Zeit hat, Fragen zu beantworten – dann liegt der Engpass bei der Verfügbarkeit von Wissen, und daran ändert kein Werkzeug etwas.
Genau um diese Grenzen geht es im nächsten Beitrag: Wo AI-gestützte Entwicklung heute nicht funktioniert.