AI
Den klassischen Softwareentwickler braucht es nicht mehr
28. Juli 2026 · 3 Min. Lesezeit · von Jörg Bieri
Ich weiss, das ist eine steile Aussage. Und ich sage sie als jemand, der jahrelang selbst Software entwickelt und Entwicklungsprojekte begleitet hat. Aber nach den ersten Projekten mit der Schoeberli AG bin ich überzeugt: Das klassische Rollenbild «Entwickler schreibt Code» hat seinen Zweck verloren.
Bei Schoeberli werden alle Mitarbeiterrollen von künstlicher Intelligenz übernommen – konkret von Claude. Nicht als Experiment, sondern als Betriebsmodell. Das Spannende daran ist nicht, wie viel Code dabei entsteht. Sondern wie wenig davon der eigentliche Engpass ist.
Das Codieren ist nicht mehr der schwierige Teil
Wer heute mit Claude Code arbeitet, merkt schnell: Die Implementierung ist gelöst. Ein sauber beschriebenes Feature, eine klare Schnittstelle, eine definierte Datenstruktur – das entsteht in Minuten statt in Tagen. Refactorings, Testabdeckung, Migrationen, Dokumentation: alles Aufgaben, die früher Wochen an Entwicklerkapazität gebunden haben und heute nebenbei mitlaufen.
Der Engpass hat sich verschoben. In unseren Projekten liegt die eigentliche Arbeit an genau zwei Stellen: in der fachlichen Analyse und im Deployment.
Die fachliche Analyse ist nicht immer ganz einfach, da die bestehenden Prozesse oft u.a. organisch gewachsen oder ungenau dokumentiert sind. Was passiert bei einem Sonderfall? Welche Regel gilt wirklich, und welche ist nur historisch gewachsen? Diese Fragen beantwortet keine AI von allein – sie entstehen im Gespräch, im Verstehen eines Geschäfts, im Nachbohren an der richtigen Stelle. Wer hier schludert, bekommt sehr schnell sehr viel Code, der keinen Nutzen bringt.
Auch das Deployment ist schwierig, weil dort die Realität wartet: Betrieb, Datenschutz, Sicherheit, Berechtigungen oder Schnittstellen zu Systemen, die niemand mehr richtig kennt. Und die Verantwortung dafür, dass etwas produktiv läuft und morgen früh auch noch läuft, ist ein Teil, den man nicht wegautomatisieren kann, weil er nicht aus Code besteht, sondern aus Entscheidungen.
Die Arbeit verschwindet nicht – sie verschiebt sich
Genau deshalb muss man die These präzisieren. Was verschwindet, ist die Rolle, deren Wertbeitrag darin bestand, Anforderungen in Syntax zu übersetzen. Was bleibt und wichtiger wird: verstehen, spezifizieren, hinterfragen, prüfen, verantworten.
Die besten Leute in diesem neuen Modell sind nicht die schnellsten Programmierer, sondern jene, die eine Fachlichkeit sauber durchdringen und ein Resultat kritisch beurteilen können. Wer erkennt, dass eine generierte Lösung technisch korrekt, fachlich aber falsch ist, ist heute mehr wert als jemand, der dieselbe Lösung von Hand getippt hätte.
Das ist auch der Grund, warum bei uns viele Entwicklungsprojekte aus einem Beratungsmandat heraus entstehen. Erst verstehen wir das Geschäft und die Zielarchitektur, dann setzen wir um. In dieser Reihenfolge – nicht umgekehrt.
Was das für Kunden bedeutet
Der wirtschaftliche Effekt ist erheblich. Ich bin überzeugt, dass wir bei klassischen Entwicklungsprojekten den Investitionsaufwand auf Kundenseite um rund zwei Drittel senken können.
Diese Ersparnis kommt nicht daher, dass wir billiger arbeiten. Sie kommt daher, dass ein grosser Teil des klassischen Aufwands schlicht wegfällt: die Umsetzungsphase selbst, das Aufsetzen von Boilerplate, die Abstimmungsschleifen in grossen Teams, das Nacharbeiten von Dokumentation und Tests. Was bleibt, ist der Aufwand für Analyse, Entscheidungen und Inbetriebnahme – und der ist verglichen mit früher der kleinere Teil.
Wo es nicht funktioniert
Was nicht funktioniert: Eine Person installiert Claude Code und hat das Gefühl, ab jetzt entstehe von selbst tolle Software. So einfach ist es nicht. Es braucht immer eine End-to-End-Betrachtung – von der fachlichen Analyse über die Umsetzung bis zum Deployment. Dazu gehört auch, die Zielinfrastruktur zu bestimmen, und vor allem der Betrieb und die Wartung danach. Wer nur den mittleren Teil abdeckt, hat kein Projekt umgesetzt, sondern einen Prototyp gebaut.
Wie das konkret aussieht
Theorie ist das eine. Im nächsten Beitrag schauen wir uns Pecugate.com an – das erste vollständig mit Claude umgesetzte Projekt der Schoeberli AG. Von der ersten fachlichen Analyse über die Umsetzung bis zum produktiven Betrieb, inklusive der Stellen, an denen es harzte.
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